Gewerkschaft: Wessen GÖD? Unsere GÖD! – von Markus Haunschmied und Philipp Jo* RafelsbergerGEWERKSCHAFT

Markus Haunschmied und Philipp Jo* Rafelsberger

Erschienen im kreidekreis 4/2026

Diese Streitschrift zum Thema Gewerkschaftsopposition besteht aus einem theoretischen sowie einem empirischen Teil (eine Umfrage unter Lehrer:innen). Als Minderheitsfraktion stehen wir als Österreichische Lehrer:innen-Initiative für einen Kurswechsel in der Gewerkschaft. In unserem Beitrag wollen wir auf Basis einer dialektisch-materialistischen Grundlage skizzieren, welche konkrete Rolle politische Aktivist:innen aller Couleur, kritische Lehrer:innen, Kolleg:innen im öffentlichen Dienst und die Gewerkschaftsbasis in zukünftigen Klassenkämpfen spielen könnten. Unser Text versteht sich als Diskussionsbeitrag dazu.

Historisch hat sich der öffentliche Dienst, wir „Öffentlich Bedienstete“, aus den Beamten herausentwickelt, die teils pragmatisiert – also unkündbar – waren. Inzwischen sind Privilegien abgebaut worden, u. a. wurde die Lebensverdienstsumme mit dem Neuen Dienstrecht reduziert. Geblieben ist allerdings eine große Abhängigkeit vom Staat, weil wir direkt durch ihn bezahlt werden.

Unsere politischen Repräsentant:innen sind einerseits die Personalvertretungen (PV), andererseits die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD). Die Basisstruktur der GÖD bilden die Gewerkschaftlichen Betriebsausschüsse (GBAs). Politisch werden die PV und die GBAs durch die Fraktion Christlicher Gewerkschafter:innen (FCG, ÖVP-nahe) und die Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter:innen (FSG, SPÖ-nahe) dominiert, eine Ausnahme bilden Fachausschüsse für die AHS und die BMHS in Vorarlberg sowie für die BMHS in Tirol. Stimmen aus den alle fünf Jahre stattfindenden PV-Wahlen werden quasi auf die Gewerkschaft umgelegt. Die Regierung, bestehend aus ÖVP, SPÖ und Neos, verhandelt damit quasi mit ihrem Spiegelbild über unsere Gehälter.

Rahmenbedingungen

Die Weltwirtschaft befindet sich in einer Dauerkrise, ein Aufschwung ist kaum in Sicht. Die Sparpolitik wurde nach anfänglicher Defensivhaltung von GÖD-Vorsitzendem Eckehard Quin letztes Jahr mitgetragen und die GÖD hatte vor zwei Jahren aus Angst vor den eigenen Mitgliedern eine Großdemonstration abgesagt – eine Minderheit hat trotzdem demonstriert, die ÖLI-UG war vorne mit dabei. Mit der einen Hand werden uns kleine Verbesserungen wie mittleres Management zugestanden, während uns mit der anderen Hand mehr Aufgaben gegeben werden (im Fachjargon: Arbeitsverdichtung) und Präventionsmaßnahmen für Schüler:innen gekürzt werden (für alleinerziehende Mütter, für von Gewalt betroffene Frauen und Jugendliche etc.).

Die Konsequenz von Letzterem – also Eltern und Kinder mit vielen Problemen – trifft uns als Pädagog:innen speziell, weil Kinder im Unterricht tendenziell auffälliger werden, während uns immer weniger Zeit bleibt, Beziehungen zu unseren Schützlingen aufzubauen und für sie da zu sein.

Als Österreichische Lehrer:innen-Initiative und Minderheitsfraktion ist es unsere Aufgabe, den Zustand unserer Gesellschaft richtig einzuschätzen.

Wie ist die Stimmung unter den Lehrer:innen?

Die Initiative Schule Brennt! hat eine Online-Umfrage unter Pflichtschullehrer:innen in Wien durchgeführt, an der sich 47 Kolleg:innen beteiligt haben. Die quantitative und qualitative Umfrage versteht sich als nicht repräsentativ – ist aber durchaus aussagekräftig, wie wir im Folgenden zeigen wollen.

Mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, die allgemeine Teuerung als Folge der Inflation stark bis sehr stark zu spüren. Die Frage: „Hast du das Gefühl, dass dein Gehalt die Teuerung ausgleicht, also angemessen steigt?“ beantwortet eine überwältigende Mehrheit der Befragten (ca. 81 %) klar mit „Nein“.

Ähnlich eindeutig wird die Frage nach der Zufriedenheit mit den konkreten Arbeitsbedingungen am Schulstandort beantwortet: Etwa ein Drittel der befragten Kolleg:innen ist „nicht zufrieden“. Die Mehrheit der Befragten geht davon aus, dass sich die Situation im gerade startenden Schuljahr weiter verschlechtern wird. Niemand (!) rechnet mit einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Wo drückt der Schuh?

Viele eint der Wunsch nach mehr Personal und damit zusammenhängend kleineren Klassen. Nimmt man* jene hinzu, die sich für ein Mehr an multiprofessioneller Unterstützung (Sozialarbeit, Psychologie usw.) am Schulstandort aussprechen, sind das gut 42 % der Befragten. Einige wünschen sich, von nicht-pädagogischen Aufgaben entbunden zu werden, während wieder andere vor allem hinsichtlich ihres Arbeitsplatzes (Lehrer:innenzimmer, persönlicher Arbeitsplatz usw.) und der Infrastruktur Mängel angeben.

Hohe Burnout-Zahlen, die steigende Zahl von Kolleg:innen, die den Beruf nach wenigen Jahren wieder verlassen, und Berichte aus den Klassenzimmern zeigen seit Jahren: Die Situation an vielen Schulen ist prekär und der „Klasse-Job“ macht nicht wenige krank.

Gewerkschaft …

81 % der Befragten sind Gewerkschaftsmitglieder. Die Gewerkschaftschefs von Eckehard Quin (GÖD) bis Wolfgang Katzian (ÖGB) prahlen regelmäßig mit konstant hohen Mitgliederzahlen – und spielen in den bürgerlichen Medien das legitime Sprachrohr der österreichischen Arbeiter:innenklasse.

Zur Einordnung: Der ÖGB weist in seiner Mitgliederstatistik seit 1945 tatsächlich einigermaßen stabile Mitgliederzahlen aus – letztere erreichen in den 1960ern die 1,5-Millionen-Marke, steigen auf den Höchststand von 1.677.265 Mitgliedern im Jahr 1981 und sinken dann kontinuierlich, bis sie sich ab 2006 auf unter 1,3 Millionen einpendeln. Seitdem weist der ÖGB konstante Zahlen von etwa 1,2 Millionen Mitgliedern aus.1

… in der Krise!

Was die Gewerkschaftsführung allerdings nicht gern dazusagt: Stillstand bei gleichzeitigem Bevölkerungswachstum heißt Krise. Allein zwischen 2008 und 2024 lässt sich ein Rückgang des Organisierungsgrades von 26,3 % auf 20,2 % feststellen, also um nicht weniger als ein Fünftel!2

Wir haben es mit einem stark sinkenden gewerkschaftlichen Organisierungsgrad zu tun – und das vor allem seit der kapitalistischen Krise 2008.

Wünsche an die Gewerkschaft

Zurück zur Umfrage von Schule Brennt!: 81 % der Befragten sind Mitglieder der GÖD – aber sind sie deshalb auch zufrieden mit ihrer Interessensvertretung?

  • Die überwältigende Mehrheit der Befragten erwartet sich „kämpferische(n) Einsatz für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen“.
  • 85 % wollen „Demos, Versammlungen, Streiks“ sehen für die Interessen der Beschäftigten.
  • Zwei Drittel erwarten sich „Mitspracherecht und Transparenz“ in Form von „Mitgliederbefragungen, Urabstimmungen, Rechenschaftsberichten usw.“.
  • „Bescheidene Forderungen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten“ halten nur die wenigsten für angebracht, nämlich 13 % der Befragten.

Wie passt das zur Politik der GÖD?

Zur Erinnerung: Die GÖD-Führung hat Reallohn-Einbußen von voraussichtlich 5 % zugestimmt – und das nur, wenn die Inflation wie prognostiziert zurückgeht, was alles andere als ausgemacht ist.3 Jüngste Wirtschaftsprognosen des WIFO gehen davon aus, dass die Inflation heuer etwa 3,2 % betragen und auch nächstes Jahr noch bei 2,4 % liegen wird. In Summe liegen deswegen unsere Reallohnverluste wahrscheinlich über 5 %. Österreichs Lehrer:innen verdienen im Vergleich zu Akademiker:innen mit gleicher Ausbildung in der Privatwirtschaft bereits deutlich schlechter.

Drei Jahre lang gilt außerdem Verhandlungspause. Fast schon selbstverständlich: Die Basis wurde zu keinem Zeitpunkt befragt und kritische Stimmen konsequent ignoriert.

Desinformation und Rassismus

Den Kolleg:innen geht es alles andere als gut – unsere Reallöhne sinken, während die Lebenshaltung teurer und teurer wird. Mehr und mehr nicht-pädagogische Aufgaben erschweren die eigentliche Arbeit in den Klassen, die ihrerseits wachsen, während es überall an Personal mangelt.

Die Regierenden lassen uns über ihre Medien regelmäßig ausrichten, dass sich die Personalsituation beruhigt und eh alles gut ist an Österreichs Schulen. Anstelle einer Personaloffensive inklusive Attraktivierung des Berufs heißt es: „Klasse Job“ – Quereinsteiger:innen und Studierende sollen Löcher stopfen, die die Regierenden zu verantworten haben.

Das ausgabenseitige Sparen ist Gesetz – und schleichende Arbeitsverdichtung für uns Beschäftigte die logische Folge dieser Politik.

Bei der Stange gehalten werden wir im Wesentlichen in Form von schamloser Desinformation – „Alle müssen sparen“ – und/oder Rassismus: Schuld an der Bildungsmisere sind – na klar – Asylwerber:innen, Migrant:innen und kopftuchtragende Mädchen.

Mit einer Gewerkschaftsmitgliedschaft sind Hoffnungen auf Besserung verbunden – noch immer und trotz der desaströsen Gewerkschaftspolitik, die für uns alle so selbstverständlich geworden ist.

Wie könnte es weiter gehen?

Die Gesellschaft entwickelt sich nicht linear, sondern dialektisch. So treten größere Bewegungen wie „Wir zahlen eure Krise nicht“ im Jahr 2008 und die Demonstration gegen den 12-Stunden-Tag 2018 mit je über 100.000 Teilnehmer:innen regelmäßig auf. Unter einer FPÖ-ÖVP-Koalition würde die derzeitige Situation im Bildungsbereich die Menschen wohl auch heute auf die Straßen bringen. Die Gewerkschaft bremst die mobilisierte Arbeiter:innenschaft jeweils ein, wie die GÖD es auch für den öffentlichen Dienst im November 2024 getan hat. Um eine emanzipierte Gesellschaft und unser gewerkschaftliches Programm umsetzen zu können, müssen wir auf eben solche Momente bauen, um in Auseinandersetzungen gegen die Sparregierung für kollektive Durchsetzungsmöglichkeiten wie einen Streik vorbereitet zu sein. Unsere potenzielle Durchsetzungskraft ist enorm: Würden wenige tausend Lehrer:innen streiken, beträfe das mehrere 10.000 Eltern quer durch alle Branchen der Wirtschaft.

Praktisch verwaltet das politische System allgemein und die gesamte Gewerkschaft und Personalvertretung im öffentlichen Dienst speziell den Kapitalismus in der Krise mit. Um das Offensichtliche auszusprechen: Die Führungen von ÖGB, GÖD und Younion handeln nicht (!) im Interesse der Beschäftigten, wie im empirischen Teil verdeutlicht wurde.

In Zeiten des Kapitalismus der multiplen Krisen ist hohes Wirtschaftswachstum passé: Klimakrise, schlechte Jobaussichten, globale Kriege und der Krieg in Europa, die Teuerung und die Energiepreise erschüttern das Vertrauen in Politiker:innen und das politische System. Wir müssen uns mit der Realität abfinden, dass die nächsten Jahre unser Gürtel enger geschnallt werden „muss“, während die Profite in Händen einer kleinen Minderheit weiterhin enorm ansteigen. Diese Tendenz umzukehren, bedarf einer historischen Anstrengung der gesamten Arbeiter:innenschaft.

Auf Grundlage einer ehrlichen Analyse brauchen wir eine gesellschaftliche Praxis: Wir sollten uns gegen Sparmaßnahmen der Regierung und für eine offene Opposition zu ihrer Politik der Spaltung der Gesellschaft, aktuell durch das Kopftuchverbot, aussprechen. Verbote von Kleidung und einem religiösen Symbol treiben die Emanzipation der Kinder nicht voran, im Gegenteil: Was wir brauchen, ist Zeit, um für sie da zu sein. Wir als Repräsentant:innen unserer Kolleg:innen müssen gesellschaftliche Entwicklungen antizipieren und ihnen vorangehen, auch wenn das Bewusstsein noch hinterherhinkt.

Veränderung braucht mutige Schritte und neue Wege in neuen Zeiten, und wir als ÖLI können der Faktor sein, der das Bewusstsein unserer Kolleg:innen vorantreibt.

Markus Haunschmied und Philipp Jo* Rafelsberger sind aktiv bei Schule Brennt!, sie sind bzw. waren in der Personalvertretung für die Aktiven Pflichtschullehrer:innen (apfl-ÖLI-UG) in Wien.

  1. ÖGB: Mitgliederstatistik seit 1945. Online unter: https://www.oegb.at/content/dam/oegb/downloads/der-ögb/der-ögb-in-zahlen/ÖGB_Mitgliederstatistik_2025.pdf (Stand: 20.09.2026)
  2. Worker-participation.eu: Austria. Trade unions. Online unter: https://www.worker-participation.eu/national-industrial-relations/countries/austria (Stand: 20.09.2026)
  3. Grünbichler, Hannes: Statement zum GÖD-Gehaltsabschluss. Online unter: https://oeli-ug.at/statement-zum-goed-gehaltsabschluss/ (Stand: 20.09.2026)
Wie die GÖD aufgebaut ist und wo du mitreden kannst, findest du auf unserer Themenseite Gewerkschaft (GÖD): Struktur & Mitarbeit.
Dieser Artikel ist im kreidekreis 4/2026 „GeWEHRkschaft“ erschienen. Hier geht’s zur ganzen Ausgabe →