Kommentar von Claudia Astner (ÖLI-Vorsitzende, UGÖD-Frauenreferat) zum Equal Pay Day am 5.11.2026

„Unsere Frauen haben im öffentlichen Dienst im Erwerbsleben und im Ruhestand beziehungsweise in der Pension das Gleichstellungsziel fast erreicht.“ – so die GÖD-Frauen im Dezember 2025. Zum Frauentag 2026 hieß es, der öffentliche Dienst habe bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine „Vorreiterrolle“, es sei „sehr erfreulich“, dass alle bei gleicher Arbeit dasselbe Gehalt erhalten – und es gab Rosen für die Kolleginnen. Am 5. November 2026 wird der Gender-Pay-Gap im öffentlichen Dienst bei 6 Prozent liegen, und ich bin mir sicher, dass auch die diesjährige Aussendung das Wort „Erfolg“ enthalten wird. Aber seien wir doch ehrlich: Es handelt sich dabei nicht um Erfolg, sondern um einen Beschwichtigungsversuch!

15,5 %

Gender-Pay-Gap in Österreich bei ganzjährig Vollzeitbeschäftigten

57 Tage

arbeiten Frauen ab dem 5. November unbezahlt

Sechs Prozent – eine Jubelmeldung?

Sechs Prozent sind der hochgerechnete Vollzeitvergleich im Bundesdienst. Teilzeit wird dabei auf Vollzeit hochgerechnet – als wäre sie kein Einkommensverlust, kein Karrierehindernis, kein Pensionsloch. Pflichtschullehrerinnen sind Landesbedienstete und kommen in dieser Zahl gar nicht vor. Gesamtösterreich: 15,5 Prozent Gap bei ganzjährig Vollzeitbeschäftigten – 57 Kalendertage unbezahlter Arbeit ab dem 5. November. Wer Teilzeitarbeit zu Vollzeitarbeit „bereinigt“, bereinigt auch die Lebensrealitäten jener Frauen, die sie leben.

„Frauen arbeiten eben gern Teilzeit.“

Mehr als jede zweite Frau arbeitet Teilzeit, und ja, Frauen geben das in Umfragen selbst an. Was dabei nie dazugesagt wird: Teilzeit bedeutet nicht Freizeit für den Rest des Tages. Sie bedeutet, dass die zweite Hälfte der Vollzeitarbeit zu Hause geleistet wird – Betreuung, Pflege, Haushalt, Organisation –, meist in Vollzeit, unbezahlt und unsichtbar. Für uns Lehrerinnen heißt das: vormittags Unterricht, danach Einkauf, Kochen, Wäsche, Musikschule, Fußballtraining, Hausaufgabenbetreuung, Üben für Schularbeiten, pflegebedürftige Eltern, Vorbereitung und Korrekturarbeiten – alles gut gelaunt und ausgeglichen, immerhin arbeiten wir ja „nur“ Teilzeit. Die Wahl, von der immer geredet wird, sieht so aus: Vollzeit plus unbezahlte Vollzeit-Care-Arbeit – nicht zu schaffen, ohne auszubrennen. Oder Teilzeit plus unbezahlte Vollzeit-Care-Arbeit – gerade noch zu schaffen. Rund 60 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen zwischen 25 und 49 Jahren nennen als Grund für die Reduktion die fehlende Kinderbetreuung. Das ist keine Präferenz, das ist ein Engpass. Eine „Vorreiterrolle“ sähe so aus, dass die Zahl der Reduzierungen unabhängig vom Geschlecht wäre.

Bezahlte Überstunden vs. unbezahlte Care-Arbeit

Die GÖD nennt selbst den Umfang an geleisteten Überstunden und Mehrleistungsstunden als Erklärung für den Gap trotz transparenter und gleicher Gehaltsstufen. Warum leisten Frauen weniger bezahlte Mehrarbeit? Weil ihre Mehrarbeit bereits verplant ist – zu Hause, unbezahlt. Wer abends die bezahlte Mehrleistungsstunde abrechnen kann, hat die unbezahlte meist schon von jemand anderem übernehmen lassen.

Väterkarenz – die „großartige“ Ausnahme

Nur rund 19 Prozent der Väter gehen überhaupt in Karenz; auf Väter entfallen 4,1 Prozent der Kinderbetreuungsgeld-Bezugszeiten. Mütter verbrauchen durchschnittlich 416 Karenztage, Väter neun. Neun Tage – das ist keine Karenz, das ist ein nicht einmal zweiwöchiger Urlaub. Bei Paaren mit einer Lehrerin bieten sich für Väterkarenzen die Sommerferien an: Da kann der Partner problemlos neun Wochen in Karenz gehen, nicht nur neun Tage. Womit wir beim Kern des Problems wären: In Österreich ist auch im Jahr 2026 ein Vater, der sein eigenes Kind betreut, ein Held. Er wird bewundert, gelobt, gefeiert – und, wenn niemand vom Paar zuhört, gern auch belächelt, mit leisen Zweifeln an seiner Männlichkeit und an der Eignung der Mutter: „Ein bisschen egoistisch ist das eigentlich schon von ihr.“ Eine Mutter in Karenz ist hingegen eine Selbstverständlichkeit. Was sonst? Es geht doch vorrangig um das Kindeswohl. Schön wäre, wenn mann sich hierzulande die nordischen Staaten zum Vorbild nähme – dort ist die Kinderbetreuung durch Männer längst eine Selbstverständlichkeit.

Pension oder Altersarmut?

Laut GÖD sei das Gleichstellungsziel auch „im Ruhestand fast erreicht“. In der Realität erhalten Frauen im Durchschnitt rund 40 Prozent weniger Pension. Das eine Instrument dagegen, das Pensionssplitting, ist ein Freiwilligkeitsmodell ohne Freiwillige: 2025 wurden bei der BVAEB bundesweit genau zwanzig Fälle von Pensionssplitting gemeldet – grob gerechnet weniger als ein Hundertstel Prozent der Bediensteten. Bei Scheidung gibt es in Österreich keinen Versorgungsausgleich. Das automatische Pensionssplitting steht seit Jahren in Regierungsprogrammen – und wurde nie umgesetzt. Hier „fast erreicht“ zu jubeln, ist beinahe zynisch. Das verwandelt die Endstation Altersarmut in einen vermeintlichen Etappensieg.

Forderungen

Dringender als beschwichtigende Worte braucht es eine Gewerkschaft, die automatisches Pensionssplitting, bezahlte und angerechnete Mehrdienstleistungen, Karrierewege, die auch in Teilzeit funktionieren, verbindliche Beförderungsziele für Frauen in Führungspositionen – und eine verpflichtende Väterkarenz, die nicht als Ausnahme, sondern als Normalfall gilt, einfordert.

Bis dahin sind die Dornen der Rosen als ständiger Schmerz im Fleisch aller Entscheidungsträger:innen besser aufgehoben als bei den Kolleginnen.

Quellen:
GÖD-Frauen/Ursula Hafner, „Gender Pay Gap im Öffentlichen Dienst erneut gesunken“, 1.12.2025
GÖD, „Starke Frauen, starke Zukunft!“ (GÖD-Magazin 3/2026) und GÖD, „Internationaler Frauentag 2026“
BMFWF, „Equal Pay Day 2026 in Österreich“
BMFWF, Presseinformation „Gerecht oder Geschlecht?“
Wiener Zeitung, „Gleichstellung bis zum ersten Kind“
5min.at, „Freiwilliger ‚Pensions-Verzicht‘“
Kurier, „Recht kompliziert: Macht mich Carearbeit im Alter arm?“
Die Presse, „Kaum jemand teilt seine Pensionsbeiträge“

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