
Der Bildungsminister verspricht mit dem neuen Bildungskompass ein „mehrdimensionales Bild“ von Österreichs Schulen. Das ist ehrgeizig. Ein gewöhnlicher Kompass kommt mit zwei Dimensionen aus, Nord–Süd und Ost–West. Nach einem Blick auf die Daten bezweifeln wir, dass der Bildungskompass auch nur diese zwei erreicht.
Was erfährt man? Pro Schule die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die Zahl der Klassen, die durchschnittliche Klassengröße und bei iKMPLUS in Deutsch und Mathematik, ob die Schule im unteren, mittleren oder oberen Drittel mit vergleichbaren Schulen liegt.
Wir, die ÖLI-UG, haben uns die Mühe gemacht, alle Daten herunterzuladen und auszuwerten. Die Erkenntnisse sind atemberaubend:
Eine Wiener Volksschule hat im Schnitt 286 Kinder, eine burgenländische 74. Die Klassen sind in Wien im Schnitt 22,8 Kinder groß, in Kärnten und Tirol 17,1. Wien ist also eine Großstadt, und am Land gibt es kleine Dorfschulen. Dafür brauchte es eine eigene Plattform des Ministeriums.
Division durch drei
Noch schöner ist der „faire Vergleich“ bei iKMPLUS. Jede Schule wird nur mit Schulen ähnlicher sozialer Zusammensetzung verglichen und dann in Drittel eingeteilt. Das ist keine Diagnose, das ist Division durch drei. Bei den Abweichungen fallen tatsächlich Unterschiede auf: Im Burgenland liegen 56 % der Volksschulen in Deutsch und in Mathematik im oberen Drittel. In Vorarlberg landen in Mathematik 48 % im unteren Drittel und nur 20 % im oberen. Und Wien, mit den mit Abstand größten Klassen, hat in Mathematik 44 % seiner Schulen im oberen Drittel und nur 20 % im unteren.
Aber was heißt das jetzt? Sollen Vorarlberger Eltern nach Eisenstadt pendeln? Sind Burgenlands Lehrerinnen und Lehrer besser, oder ist die Vergleichsgruppe bloß günstig zusammengesetzt? Ist das Drittel-Etikett ein Abstand von zwei Punkten oder von zwanzig? Man weiß es nicht, denn die Mittelwerte dahinter werden (glücklicherweise) gar nicht veröffentlicht. Eine Kategorie ohne Maßstab ist ein Kompass ohne Skala, aber zumindest hat hier der Bildungsminister Wort gehalten: Die Daten sind nicht sinnvoll miteinander vergleichbar.
Ein Detail zur Datenqualität: Laut Bildungskompass hat die Volksschule Hollabrunn eine durchschnittliche Klassengröße von 39. In einer Volksschule. Entweder wurde dort heimlich ein Hörsaal eröffnet, oder die Daten sind ungefähr so verlässlich wie ein Kompass neben einem Magneten.
Transparenz – aber dort, wo sie etwas bringt
Damit kein Missverständnis entsteht: Transparenz ist uns wichtig. Wir fordern sie seit Jahren, bei der Leistungsbeurteilung genauso wie bei der Besetzung von Schulleitungen, von Posten in den Bildungsdirektionen und im Ministerium. Wer hat sich beworben, wer wurde warum genommen, wer saß in der Kommission? Dort wäre Transparenz ein echter Fortschritt. Davon findet sich im Bildungskompass nichts.
Ebenso fehlt alles, was zeigen würde, womit Schulen arbeiten müssen: Wie viele Stunden fehlen? Wie viele Stellen sind unbesetzt? Gibt es Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, administratives Unterstützungspersonal? Wie viele Ressourcen für Deutschförderung kommen tatsächlich an? Der Kompass misst, was Schulen liefern, aber nie, was der Dienstgeber ihnen dafür gibt.
So bleibt Scheintransparenz ohne Mehrwert: viele Zahlen, wenig Information und ein Etikett, das Schulen gegeneinander ausspielt, ohne irgendjemandem den Weg zu zeigen. Auf unserem Kompass steht in der Mitte nicht Nord, sondern „Bildung“. Leider zeigt die Nadel überallhin, nur nicht dorthin.
Datengrundlage: eigene Auswertung aller Volksschulen im Bildungskompass (bildungskompass.gv.at), Schuljahre 2022/23–2024/25, Stand 8. Oktober 2026.

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