Standpunkt: Demokratie leben! – von Astrid SchuchterSTANDPUNKT

Astrid Schuchter

Erschienen im kreidekreis 4/2026

Wer sind Edmund Reisman, Rosa Jochmann und Johann Riedl? Gewerkschafter:innen, die sich gegen autoritäre und totalitäre Herrschaft stellten und in der NS-Zeit verfolgt, eingesperrt und mit dem Tod bedroht wurden.1 Die gewerkschaftlichen Grundwerte Solidarität und soziale Gerechtigkeit vertragen sich nicht mit Diktatur. Heute leben wir – zumindest in Österreich – in einer Demokratie und wir alle können uns nur tief verbeugen vor unseren mutigen Vorgänger:innen in der Gewerkschaftsbewegung. Aber wir beobachten täglich, wie schnell demokratische Strukturen ausgehebelt werden, auch in Europa, und wie weltweit Autoritarismus auf dem Vormarsch ist. Eine schlechte Nachricht für uns alle, aber eben auch für Gewerkschaften, die die Errungenschaften der modernen Demokratie wie Menschen- sowie Freiheitsrechte und Willen zum Kompromiss als Existenzgrundlage benötigen. Auch die GÖD ist sich dieser Zusammenhänge bewusst und thematisiert im aktuellen Mitgliederheft „Gemeinsam für Demokratie“ das Zusammenspiel von Demokratie und Gewerkschaft.

Damit wird ein Kernanliegen der ÖLI-UG berührt, bekennen wir uns doch als „Unabhängige Gewerkschafter:innen für mehr Demokratie“ zu einem Ausbau demokratischer Strukturen in allen Bereichen. Mehr Demokratie geht nämlich immer!

Es ist ganz in unserem Sinne, wenn festgestellt wird: „Gewerkschaften wirken als Schule der Demokratie. Sie vermitteln jene Kultur der Beteiligung und des respektvollen Interessenausgleichs, auf die jedes demokratische System angewiesen ist.“2 Als ÖLI-UG nehmen wir diesen Ansatz sehr ernst und praktizieren demokratische Prozesse: Diskussionen, Teamarbeit, Meinungsvielfalt, aber auch kritischer Reflexion und Auseinandersetzungen wird viel Raum gegeben. Das Ringen um mehr Demokratie ist herausfordernd, aber lohnend.

Diese Überzeugung wollen wir noch weiter in der GÖD verankern. Natürlich sind Gewerkschaften demokratische Organismen, in denen diskutiert, gewählt und abgestimmt wird. Aber mehr Demokratie geht immer und genau in diese Richtung gehen viele unserer Anträge und Forderungen: mehr Transparenz, mehr Austausch, mehr Mitsprache.

Ein Bekenntnis zur Demokratie bedeutet auch, die Rolle einer Oppositionskraft wertzuschätzen und „lästige“ Anliegen nicht einfach mehrheitlich abzuschmettern. Es ist die Aufgabe der ÖLI-UG als zwar starke, aber nicht mehrheitlich gewählte Fraktion, Entscheidungen der Mehrheitsfraktion kritisch zu hinterfragen, neue Wege aufzuzeigen und Impulse zu geben. Die Auseinandersetzung damit ermöglicht neue Sichtweisen und im Idealfall auch Kompromisslösungen. Was für den politisch-demokratischen Prozess gilt, gilt auch innerhalb der Gewerkschaft: Diskussionen können hart sein, Wehleidigkeit ist fehl am Platz. Demokratie heißt auch Streit – Streit, aber nicht Hass. Die Arbeit in allen Gewerkschaftsgremien „setzt eine wesentliche demokratische Tugend voraus: die Bereitschaft, den anderen nicht als Feind zu betrachten.“3

Trotz unterschiedlicher Sichtweisen ist es unerlässlich, Kollegialität, Solidarität und offene Gesprächskanäle zu bewahren, denn nur eine nach innen demokratisch gefestigte Gewerkschaft kann nach außen wirken.

„Demokratie lebt von der Bereitschaft zuzuhören, andere Perspektiven ernst zu nehmen und tolerant gegenüber anderen Standpunkten zu sein.“4 Demokratie leben wir täglich im Umgang mit anderen und unsere demokratische Gesinnung zeigt sich vor allem gegenüber jenen, die anderer Meinung sind. Gerade Gewerkschafter:innen müssen, wenn sie glaubwürdig sein wollen, an allen Stätten ihres Wirkens diesem Credo treu bleiben – auf jedem Kongress, bei jeder Tagung, in jeder Sitzung und am Arbeitsplatz.

  1. Mendel Marlies, https://www.oegb.at/themen/geschichte/verfolgt–verhaftet–ermordet–gewerkschafterinnen-in-der-nazizeit
  2. Quin Eckehard: Demokratie und Gesellschaft, GÖD Mitgliederheft 6/September 2026, S. 8
  3. Ebd. S. 8
  4. Deckenbacher Romana, Demokratie braucht Mitbestimmung und verschiedene Perspektiven, GÖD Mitgliederheft 6/September 2026, S. 18
Dieser Artikel ist im kreidekreis 4/2026 „GeWEHRkschaft“ erschienen. Hier geht’s zur ganzen Ausgabe →